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Im ‚Deutschen Reich‘ mussten zwischen 1939 und 1945 schätzungsweise über 13 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten; in den besetzten und kontrollierten Gebieten weitere 13 Millionen Menschen. Zwangsarbeit war nahezu allgegenwärtig und überall. Die Ausbeutung und Vernichtung durch Arbeit hatte Methode – in Konzentrations- und Arbeitslagern, Fabrikhallen ebenso wie auf Bauernhöfen oder in Privathaushalten.

Zwangsarbeit war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Betroffenen mussten oft unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. KZ- und Arbeitslager-Häftlinge, darunter viele Jüdinnen und Juden, Sinti:ze und Rom:nja sowie sowjetische Kriegsgefangene, kamen am häufigsten beim Arbeitseinsatz zu Tode.

Nach der Befreiung litten viele Zwangsarbeiter:innen unter körperlichen & seelischen Folgeschäden der Zwangsarbeit. Individuelle Entschädigungsansprüche oder Lohnnachzahlungen wurden verweigert. Die deutschen Regierungen und die von der Zwangsarbeit profitierenden kleineren und großen Unternehmen, Kirchen und Privathaushalte lehnten – von wenigen Ausnahmen abgesehen – jede Verantwortung ab. Das 1953 in Kraft getretene Bundesentschädigungsgesetz schloss im Ausland lebende sowie nicht rassistisch oder politisch Verfolgte weitgehend von Leistungen aus.

Von morgens bis nachts mussten die Menschen für die Nazis Kohle fördern, hatten kaum zu essen und schliefen mit 60 anderen Personen in einer winzigen Kemenate. Jeden Morgen waren 10 bis 15 von uns tot.

Bericht einer ehemaligen Zwangsarbeiterin

Beginnende Aufarbeitung

Zur Beförderung der Westintegration leistete die BRD Zahlungen an einzelne Staaten in Form sogenannter Globalabkommen – aber keine individuellen Entschädigungen an ehemalige Zwangsarbeiter:innen. Die Bundesrepublik zahlte 1952 an Israel 3,5 Milliarden DM als materielle Aufbauhilfe sowie zwischen 1959 und 1964 an mehrere westeuropäischen Staaten insgesamt 900 Millionen DM.

In dieser Phase leisteten auch mehrere Großunternehmen erste Entschädigungszahlungen an die Jewish Claims Conference.

Dies passierte nach den ersten erfolgreichen Prozessen, wie etwa dem sogenannten Wollheim-Prozess. Die Schadensersatzklage des ehemaligen Zwangsarbeiters Norbert Wollheim gilt als Musterfall und erste Klage eines ehemaligen Zwangsarbeiters. Im Zuge des Prozesses einigten sich die IG Farben, der Kläger und die Jewish Claims Conference auf eine Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter:innen (jüdischen wie nicht jüdischen Glaubens) in Höhe von 30 Millionen DM.

Die DDR lehnte aufgrund ihres Selbstverständnisses als antifaschistische Neugründung jegliche Entschädigung für ausländische Opfer der NS-Verfolgung ab. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 folgten im Zuge des 2+4-Vertrages noch einmal Globalabkommen mit Polen (500 Millionen DM) sowie mit Belarus, der Ukraine und Russland (zusammen eine Milliarde DM). Russland und Belarus hatten dabei auch die NS-Opfer in den inzwischen souveränen baltischen Staaten zu berücksichtigen. Mit diesen Zahlungen sahen die deutsche Regierung und Wirtschaft ihre Verantwortlichkeit damals als erfüllt an.

Erst Ende des 20. Jahrhunderts beschäftigte die Entschädigung der Zwangsarbeiter:innen wieder die nationale und internationale Öffentlichkeit. Erste politische Initiativen etwa von Bündnis90/Die Grünen, des Europa-Parlaments oder von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste blieben zunächst folgenlos. Fortdauernder Druck in und aus den USA brachte Ende der 1990er Jahre weitere Bewegung in die Diskussion. 1998 einigten sich die Fraktionen des Bundestags darauf, eine Stiftung zur Entschädigung von Zwangsarbeit unter finanzieller Beteiligung der deutschen Wirtschaft einzurichten.

Symbolische Entschädigung

Am 17. Juli 2000 wurde ein Regierungsabkommen zwischen Deutschland und den USA unterzeichnet, das Rechtssicherheit herstellte und deutsche Unternehmen vor Sammelklagen in den USA schützte. Die USA, Deutschland und sechs weitere Staaten sowie Opferverbände und Anwält:innen unterzeichneten eine gemeinsame Abschlusserklärung zur Gründung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, die alleinige Ansprechpartnerin für alle Ansprüche wurde.

Am 2. August 2000 wurde mit Unterstützung aller Fraktionen im Deutschen Bundestag das Gesetz zur Gründung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft verabschiedet. Es sah individuelle humanitäre Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter:innen sowie andere Opfer des Nationalsozialismus vor. Diese Zahlungen begannen im Jahr 2001.

Erinnerung, Verantwortung, Zukunft

Am 13. Juni 2001 wurde die erste Zahlung an die tschechische Partnerorganisation (Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds) geleistet. Im Laufe des Juni 2001 wurde weitere Zahlungen nach Polen, Belarus, Russland, in die Ukraine, an die Jewish Claims Conference und die Internationale Organisation für Migration auf den Weg gebracht. Die Auszahlungen erfolgten in Kooperation mit sieben internationalen Partnerorganisationen – Organisationen in den Ländern vor Ort, Organisationen der Zivilgesellschaft.

Die Auszahlungsprogramme dauerten von 2001 bis 2007. An 1,66 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter:innen und Rechtsnachfolger wurden 4,4 Milliarden Euro ausgezahlt. Die Arbeit der Stiftung EVZ trägt die Verantwortung für das Leid der Millionen Zwangsarbeiter:innen nicht nur weiter im Namen sondern auch in ihrer Arbeitsagenda. Sie steht für lebendiges Erinnern an die Schicksale der Verfolgten.

 

Ich weiß, dass für viele gar nicht das Geld entscheidend ist. Sie wollen, dass ihr Leid anerkannt und dass das Unrecht, das ihnen angetan worden ist, Unrecht genannt wird.

Johannes Rau

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